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Sonntag Aktuell 23.7.2006 - Stille unter Sternen

von Claudia List
Manchmal sagt einem die Hand, wo man steht: Den Arm ausstrecken, die Finger spreizen und zwischen den Horizont und den Polarstern halten. Passt genau. Fünf Menschen sind verblüfft. Sie stehen mitten in der Wüste unter dem Nachthimmel, blicken staunend auf ihre Hände. Hunderte von Sternen funkeln um sie herum. Im Moment interessiert sie aber nur der Polarstern. Und ihre Hand. Der Daumen allein ergibt zwei Grad, die Faust vom Knöchel des kleinen Fingers bis zum Zeigefinger entsprechen fünf bis sieben Grad und die gespreizte Hand vom kleinen Finger bis zum Daumen 20 Grad. „Die Höhe des Polarsterns am Horizont entspricht immer der geografischen Breite“, erklärt die Astronomin Susanne Hoffmann. Die Karawane wandert also auf dem 20. Breitengrad. Mitten durch die Wüste Mauretaniens, die den größten Teil des afrikanischen Landes bedeckt. Ein armes Land am Westrand der Sahara, in dem noch in den 60er Jahren, als es von Frankreich unabhängig wurde, überwiegend Nomaden lebten.
Nahe Chinguetti reist die Karawane eine Woche lang mit vier mauretanischen Begleitern und fünf Kamelen durchs Dünenmeer: Thomas, der oft in den Alpen wandert und hier neues Terrain für sich erobert. Karin und Simone, die schon durch die Sahara gefahren sind, dieses Mal aber zu Fuß gehen wollen. Daniel, der wie die anderen um die vierzig ist und durch seinen Bruder Jérome neugierig auf die Reise wurde. Jérome, der seinen Job in der Designbranche an den Nagel gehängt und seine Leidenschaft, das Wüstenwandern, zum Beruf gemacht hat. Zum Team gehört auch Susanne, die Astronomin aus Berlin, die unterwegs von Sternen, dem Universum und dem Urknall erzählt. Mit ihr kann man über schwarze Löcher fachsimpeln, aber sie wird auch nicht müde, Astronomie-Anfängern die Zwillingssterne oder den Saturn zu zeigen. Die Fragen stellen sich hier von allein. Ein Blick nach oben genügt, gemeinsam nach dem Abendessen oder alleine vom Schlafplatz aus, den sich jeder irgendwo in den Dünen sucht: Von Osten bis Westen, von Süden bis Norden umschließt der Sternenhimmel wie eine Kuppel das sandige Stück Erde darunter. Kein Licht, kein Großstadtsmog, keine Wolke trübt das tausendfache Funkeln. Hier scheint die Unendlichkeit spürbar zu sein.
Dem Himmel kommt man selten näher. Susanne sorgt für Bodenhaftung und bringt Ordnung ins Sternengewimmel: „Wenn ihr die vordere Kastenwand des Großen Wagen verlängert, dann kommt ihr zum Polarstern.“ Sie zeigt Orion, Sirius und Beteigeuze und erklärt beim Blick durchs Teleskop, dass der Mond, der ein Vollmond zu sein scheint, „unten schon angeknabbert ist“. Und mit der Zeit entdeckt auch der Ungeübte die Unterschiede der Sterne: Manche leuchten rötlicher, heller oder dunkler als andere.
Frühmorgens bricht die Karawane auf. Sie nutzt die kühleren Stunden, steigt Sanddünen hinauf und hinunter und durchquert Wadis. Wie wogende Wellen breiten sich die Dünen vor den Wanderern aus. Der Wind hat Spitzen, Buckel und sichelförmige Bögen geformt und dabei Skulpturen entstehen lassen, die einen Henry Moore neidisch gemacht hätten. Die scheinbare Genügsamkeit der Wüste entpuppt sich als Reichtum. Das Laufen strengt an und entspannt gleichzeitig. Es wird zur Nebensache, wenn man ins Gespräch vertieft ist. Geht man alleine, fangen die Gedanken an zu wandern. Mit jedem Schritt durch die stille Landschaft entfernt man sich von der Hektik des Alltags. Und jeder Schritt gibt eine Ahnung davon, wie hartnäckig man sein muss, um längere Wüstentouren durchzuhalten. Die Astronomiekarawane dagegen ist für Einsteiger ohne großes Training zu schaffen. Auch die trockene Hitze verkraften die Wanderer gut. Zumal die Kamele ihr Gepäck schleppen und die mauretanischen Begleiter ihnen Frühstück, Mittag- und Abendessen servieren. Dennoch: Wo der Sand locker sitzt, lässt er die Füße wieder talwärts rutschen, so dass man kaum vorankommt und alle paar Schritte seine Schuhe leeren muss. Das treibt den Schweiß aus allen Poren und weckt die Freude auf den Sonnenuntergang und die unstillbare Sehnsucht nach einer kalten Dusche. Erstaunlich, wie schnell die drei Wasserflaschen leer sind, die jeder für eine halbe Tagesetappe mitschleppt. Die Mittagsrast kommt dann nie zu früh. Mal schützt ein einsamer Akazienbaum vor der Sonne. Wenn keiner zu finden ist, bauen die Begleiter ein weißes Nomadenzelt auf, das die Kamele neben Essen, Schlafzelten, Gepäck und Kochutensilien von Rastplatz zu Rastplatz schleppen. Das Thermometer zeigt 36 Grad. Die Wanderer strecken sich auf Matten aus und dösen, während sich das Geplauder der mauretanischen Begleiter in ihre Träume schleicht. Sie lesen, träumen von einem kühlen Getränk, während sie ihr lauwarmes, manchmal sogar sandiges Wasser aus dem Brunnen trinken. Sie diskutieren über die politische Lage in Mauretanien nach dem Putsch im vergangenen Jahr, sprechen über Outdoor-Ausstatter in Deutschland oder über das Universum, die Wirkung des Mondes auf die Erde und über Astrologie.
Abends grüßt Orion schon wie ein Vertrauter vom Himmel. Heute sind die Sternzeichen dran: Susanne zeigt die Punkte, diesich zum Beispiel zum Stier, zur Jungfrau und zum Löwen verbinden. Und sie erzählt, dass die Griechen einst diese Sternbilder nicht nur mit Namen aus ihrer Mythologie bedacht, sondern gleich die Geschichten dazu gesponnen haben, die erklären, warum diese Sterne nicht immer zu sehen sind. Zum Beispiel die von Pollux und Castor, den beiden Zwillingssternen – der eine ein unsterblicher Halbgott, der andere ein Mensch, der nach seinem Tod in der Unterwelt landete. Weil einer ohne den anderen nicht glücklich werden sollte, endete das Ganze in einem Kompromiss: ein halbes Jahr am Himmel, ein halbes Jahr in der Unterwelt. „Der gesamte Himmel, der in Griechenland vor 2000 Jahren zu sehen war, ist mit solchen Geschichten gepflastert“, sagt Susanne. Stundenlang könnte man auf dem Rücken liegen, in den Himmel starren und ihr zuhören.
Am Morgen will sich der Mond kaum verabschieden, noch lange steht er im Westen am Horizont. Das Licht ist klar, macht den Sand hellgelb und zeigt die Spuren des nächtlichen Lebens in der Wüste: die zarten Linien der Eidechsenschwänze, die Doppelkuhlen der Mäuse, die parallel verlaufenden Streifen der Schlangen, die kreuz und quer herumirrenden Striche der schwarzen Käfer. Mit jeder Stunde des Tages ändert die Wüste ihr Gesicht: Das gleißende Mittagslicht macht die Dünen leblos. Sie werden zu Schneebergen, die blenden und kaum Strukturen erkennen lassen. Wenn sich abends die Sonne neigt, taucht sie die Wüste in warmes Licht, zaubert Ocker- und Brauntöne in den Sand, schafft Tiefe und Konturen, modelliert jede kleinste Erhebung, jede Rille im Sand. Nachts, wenn der Mond sein kühles Licht über die Sahara streut, baut Susanne das Teleskop auf: Der Saturn mit seinem Ring, der abnehmende Mond und die Sternenhaufen der Plejaden rücken ganz nahe. In diesen Momenten setzen sich auch die Mauretanier gerne dazu: Mahmout, der die Gruppe anführt, Sidat, der für alle kocht, und die beiden Männer, die sich um die Kamele kümmern. Sie alle kennen ihren Nachthimmel, denn er dient zur Orientierung und sagt ihnen, welches Wetter bevorsteht. Dennoch: So nahe sind auch sie den Sternen bisher nicht gekommen.
Nach der letzten Nacht in der Wüste packen die Wanderer ihre Schlafsäcke zusammen und brechen um 5 Uhr morgens im Mondschein zur letzten Etappe auf. Nach sechs Tagen in der Wüste erreichen sie heute die Oasenstadt Chinguetti. Der Blick fällt zurück: auf Mahmout, wie er in seinem strahlend blauen Gewand über den Sand zu schweben scheint – ein Bild, das sich für alle Zeit ins Gedächtnis gebrannt hat. Auf den Sand, der von allem Besitz ergriffen hat. Er sitzt in den Haaren, den Kleidern, im Rucksack und im Schlafsack, er hängt unter den Fingernägeln und knirscht beim Schreiben auf dem Papier. Chinguetti liegt nur noch wenige Schritte entfernt. Ein Huhn gackert, ein Auto brummt: Was für ein Krach nach einer Woche voll himmlischer Ruhe.
Manchmal sagt einem die Hand, wo man steht: Den Arm ausstrecken, die Finger spreizen und zwischen den Horizont und den Polarstern halten. Passt genau. Fünf Menschen sind verblüfft. Sie stehen mitten in der Wüste unter dem Nachthimmel, blicken staunend auf ihre Hände. Hunderte von Sternen funkeln um sie herum. Im Moment interessiert sie aber nur der Polarstern. Und ihre Hand. Der Daumen allein ergibt zwei Grad, die Faust vom Knöchel des kleinen Fingers bis zum Zeigefinger entsprechen fünf bis sieben Grad und die gespreizte Hand vom kleinen Finger bis zum Daumen 20 Grad. „Die Höhe des Polarsterns am Horizont entspricht immer der geografischen Breite“, erklärt die Astronomin Susanne Hoffmann. Die Karawane wandert also auf dem 20. Breitengrad. Mitten durch die Wüste Mauretaniens, die den größten Teil des afrikanischen Landes bedeckt. Ein armes Land am Westrand der Sahara, in dem noch in den 60er Jahren, als es von Frankreich unabhängig wurde, überwiegend Nomaden lebten.
Nahe Chinguetti reist die Karawane eine Woche lang mit vier mauretanischen Begleitern und fünf Kamelen durchs Dünenmeer: Thomas, der oft in den Alpen wandert und hier neues Terrain für sich erobert. Karin und Simone, die schon durch die Sahara gefahren sind, dieses Mal aber zu Fuß gehen wollen. Daniel, der wie die anderen um die vierzig ist und durch seinen Bruder Jérome neugierig auf die Reise wurde. Jérome, der seinen Job in der Designbranche an den Nagel gehängt und seine Leidenschaft, das Wüstenwandern, zum Beruf gemacht hat. Zum Team gehört auch Susanne, die Astronomin aus Berlin, die unterwegs von Sternen, dem Universum und dem Urknall erzählt. Mit ihr kann man über schwarze Löcher fachsimpeln, aber sie wird auch nicht müde, Astronomie-Anfängern die Zwillingssterne oder den Saturn zu zeigen. Die Fragen stellen sich hier von allein. Ein Blick nach oben genügt, gemeinsam nach dem Abendessen oder alleine vom Schlafplatz aus, den sich jeder irgendwo in den Dünen sucht: Von Osten bis Westen, von Süden bis Norden umschließt der Sternenhimmel wie eine Kuppel das sandige Stück Erde darunter. Kein Licht, kein Großstadtsmog, keine Wolke trübt das tausendfache Funkeln. Hier scheint die Unendlichkeit spürbar zu sein.
Dem Himmel kommt man selten näher. Susanne sorgt für Bodenhaftung und bringt Ordnung ins Sternengewimmel: „Wenn ihr die vordere Kastenwand des Großen Wagen verlängert, dann kommt ihr zum Polarstern.“ Sie zeigt Orion, Sirius und Beteigeuze und erklärt beim Blick durchs Teleskop, dass der Mond, der ein Vollmond zu sein scheint, „unten schon angeknabbert ist“. Und mit der Zeit entdeckt auch der Ungeübte die Unterschiede der Sterne: Manche leuchten rötlicher, heller oder dunkler als andere.
Frühmorgens bricht die Karawane auf. Sie nutzt die kühleren Stunden, steigt Sanddünen hinauf und hinunter und durchquert Wadis. Wie wogende Wellen breiten sich die Dünen vor den Wanderern aus. Der Wind hat Spitzen, Buckel und sichelförmige Bögen geformt und dabei Skulpturen entstehen lassen, die einen Henry Moore neidisch gemacht hätten. Die scheinbare Genügsamkeit der Wüste entpuppt sich als Reichtum. Das Laufen strengt an und entspannt gleichzeitig. Es wird zur Nebensache, wenn man ins Gespräch vertieft ist. Geht man alleine, fangen die Gedanken an zu wandern. Mit jedem Schritt durch die stille Landschaft entfernt man sich von der Hektik des Alltags. Und jeder Schritt gibt eine Ahnung davon, wie hartnäckig man sein muss, um längere Wüstentouren durchzuhalten. Die Astronomiekarawane dagegen ist für Einsteiger ohne großes Training zu schaffen. Auch die trockene Hitze verkraften die Wanderer gut. Zumal die Kamele ihr Gepäck schleppen und die mauretanischen Begleiter ihnen Frühstück, Mittag- und Abendessen servieren. Dennoch: Wo der Sand locker sitzt, lässt er die Füße wieder talwärts rutschen, so dass man kaum vorankommt und alle paar Schritte seine Schuhe leeren muss. Das treibt den Schweiß aus allen Poren und weckt die Freude auf den Sonnenuntergang und die unstillbare Sehnsucht nach einer kalten Dusche. Erstaunlich, wie schnell die drei Wasserflaschen leer sind, die jeder für eine halbe Tagesetappe mitschleppt. Die Mittagsrast kommt dann nie zu früh. Mal schützt ein einsamer Akazienbaum vor der Sonne. Wenn keiner zu finden ist, bauen die Begleiter ein weißes Nomadenzelt auf, das die Kamele neben Essen, Schlafzelten, Gepäck und Kochutensilien von Rastplatz zu Rastplatz schleppen. Das Thermometer zeigt 36 Grad. Die Wanderer strecken sich auf Matten aus und dösen, während sich das Geplauder der mauretanischen Begleiter in ihre Träume schleicht. Sie lesen, träumen von einem kühlen Getränk, während sie ihr lauwarmes, manchmal sogar sandiges Wasser aus dem Brunnen trinken. Sie diskutieren über die politische Lage in Mauretanien nach dem Putsch im vergangenen Jahr, sprechen über Outdoor-Ausstatter in Deutschland oder über das Universum, die Wirkung des Mondes auf die Erde und über Astrologie.
Abends grüßt Orion schon wie ein Vertrauter vom Himmel. Heute sind die Sternzeichen dran: Susanne zeigt die Punkte, diesich zum Beispiel zum Stier, zur Jungfrau und zum Löwen verbinden. Und sie erzählt, dass die Griechen einst diese Sternbilder nicht nur mit Namen aus ihrer Mythologie bedacht, sondern gleich die Geschichten dazu gesponnen haben, die erklären, warum diese Sterne nicht immer zu sehen sind. Zum Beispiel die von Pollux und Castor, den beiden Zwillingssternen – der eine ein unsterblicher Halbgott, der andere ein Mensch, der nach seinem Tod in der Unterwelt landete. Weil einer ohne den anderen nicht glücklich werden sollte, endete das Ganze in einem Kompromiss: ein halbes Jahr am Himmel, ein halbes Jahr in der Unterwelt. „Der gesamte Himmel, der in Griechenland vor 2000 Jahren zu sehen war, ist mit solchen Geschichten gepflastert“, sagt Susanne. Stundenlang könnte man auf dem Rücken liegen, in den Himmel starren und ihr zuhören.
Am Morgen will sich der Mond kaum verabschieden, noch lange steht er im Westen am Horizont. Das Licht ist klar, macht den Sand hellgelb und zeigt die Spuren des nächtlichen Lebens in der Wüste: die zarten Linien der Eidechsenschwänze, die Doppelkuhlen der Mäuse, die parallel verlaufenden Streifen der Schlangen, die kreuz und quer herumirrenden Striche der schwarzen Käfer. Mit jeder Stunde des Tages ändert die Wüste ihr Gesicht: Das gleißende Mittagslicht macht die Dünen leblos. Sie werden zu Schneebergen, die blenden und kaum Strukturen erkennen lassen. Wenn sich abends die Sonne neigt, taucht sie die Wüste in warmes Licht, zaubert Ocker- und Brauntöne in den Sand, schafft Tiefe und Konturen, modelliert jede kleinste Erhebung, jede Rille im Sand. Nachts, wenn der Mond sein kühles Licht über die Sahara streut, baut Susanne das Teleskop auf: Der Saturn mit seinem Ring, der abnehmende Mond und die Sternenhaufen der Plejaden rücken ganz nahe. In diesen Momenten setzen sich auch die Mauretanier gerne dazu: Mahmout, der die Gruppe anführt, Sidat, der für alle kocht, und die beiden Männer, die sich um die Kamele kümmern. Sie alle kennen ihren Nachthimmel, denn er dient zur Orientierung und sagt ihnen, welches Wetter bevorsteht. Dennoch: So nahe sind auch sie den Sternen bisher nicht gekommen.
Nach der letzten Nacht in der Wüste packen die Wanderer ihre Schlafsäcke zusammen und brechen um 5 Uhr morgens im Mondschein zur letzten Etappe auf. Nach sechs Tagen in der Wüste erreichen sie heute die Oasenstadt Chinguetti. Der Blick fällt zurück: auf Mahmout, wie er in seinem strahlend blauen Gewand über den Sand zu schweben scheint – ein Bild, das sich für alle Zeit ins Gedächtnis gebrannt hat. Auf den Sand, der von allem Besitz ergriffen hat. Er sitzt in den Haaren, den Kleidern, im Rucksack und im Schlafsack, er hängt unter den Fingernägeln und knirscht beim Schreiben auf dem Papier. Chinguetti liegt nur noch wenige Schritte entfernt. Ein Huhn gackert, ein Auto brummt: Was für ein Krach nach einer Woche voll himmlischer Ruhe.






