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GEO SAISON 2/2006: Auf dem Planet der Stille

Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, er braucht die Zuwendung
anderer, er giert nach diesen emotionalen Infusionen, die seine Gefühle
aufblühen lassen. Die Art der Verabreichung ist vielfältig, doch am
Häufigsten antreffen sind a) Liebe, b) Bewunderung und c) Mitleid. Nun
ist es mit a) und b) so eine Sache. Die beiden sind nicht ganz einfach
zu haben. Bei c) wiederum gibt es einen simplen Trick. Man streut ein
wenig unter Freunden und Kollegen, der nächste Urlaub stünde bald an,
und auf die Frage wohin es denn gehe, heißt die Antwort: Wandern in der
Sahara. Das schlägt ein, Volltreffer, und sofort lässt sich die volle
c)-Dröhnung genießen, eine herrliche Portion Mitgefühl. Ach, du Armer!
Gibt’s da keine Schlangen? Im Freien willst du schlafen? Und ihr geht
da wirklich alles zu Fuß? So, spätestens nun sieht man in den
Gesichtern auch noch eine Prise b), und man nimmt dieses bisschen
Bewunderung gerne mit, immer bemüht so zu tun, als sei das mit der
Wüste und ihren Gefahren alles nicht der Rede wert. Wie lange ist das
her, Wochen, Monate? Jetzt liege ich auf einer weichen Matte und döse.
Bei 35 Grad im Schatten fühlt sich das Blut dicker an und das
Schwungrad, das die Gedanken antreibt, dreht sich nur schleifend.
Mittagsrast im geräumigen Nomadenzelt, die Seitenbahnen sind
hochgerollt in der Hoffnung auf kühlenden Wind. Von allen Seiten ist
ruhiger Atem zu hören oder leises Schnarchen. Drüben in der Ecke liegt
Sidi, der Herr über die Kamele. Lange hat er versucht, mit
gelegentlichem Fächeln der Hand eine Fliege zu vertreiben, dann ist er
eingenickt. Nun nutzt das Tier seine Ruhe zu gelegentlichen
Erkundungsflügen in Sidis offener Mundhöhle, bis der sich einen Teil
des Turbantuchs über den Kopf zieht. So vergehen die Stunden, denn...
Die Wüste ist eine Sanduhr.
Hier verrinnt die Zeit mit einer Gleichmäßigkeit, die von nichts und niemandem unterbrochen wird. Eine heitere Schläfrigkeit hatte mich angesprungen schon beim ersten Kontakt in Ouadane, einem ausgestorbenen Ort in Mauretanien, dessen steinerne Reste einem erklären, dass hier einmal 20 000 Menschen wohnten, an dieser Schnittstelle großer Karawanen, hunderte Jahre ist das her. Unsere Herberge lag einige Gehminuten abseits des historischen Ouadane, sie bestand aus großen Zelten, deren Fußböden mit Teppichen ausgelegt waren, nachts zeigte das Thermometer null Grad. Den ersten Schleier von Müdigkeit führte ich auf die Anfahrt zurück, den Flug, das übliche Entspannen zu Beginn einer Reise. Doch es sollte sich zeigen, dass dieses wohlige Schlummern nie wieder ganz weichen würde. Wandern in der Wüste ist auch ein somnambuler Trip durch eine andere Galaxis. Liegt das am Stetigen, dem sich wie ein Mantra Wiederholdenden; erschöpft die Freiheit von der Zivilisation? Jeden Morgen um viertel nach sechs die Stimme von Jerome, dem deutschen Organisator der Tour, die zum Aufstehen bittet. Er hat dabei eine schöne Strecke zu gehen, denn jeder Wanderer will alleine sein und sucht sich seinen Schlafplatz an möglichst windgeschützter Stelle. Isomatten und Schlafsäcke werden eingerollt, unterdessen hat Sidat, der Koch, Wasser heiß gemacht und das Frühstück zwischen vier Matten angerichtet. Liegen, gehen, sitzen, niemand verliert zwei Wochen lang den Kontakt zum natürlichen Boden, auf keinem der 200 Kilometer, die wir zu Fuß zurücklegen werden, und vielleicht ist es auch das, was einen so erdet. Sidi hat bereits im Dunkeln seine sieben Kamele zusammen getrieben, die Nachts umherstreifend Futter suchen und nun beladen werden; auch Mahmoud hilft dabei, unser heimischer Führer. Routinierte Griffe gehen Hand in Hand, endlos wiederholt am Morgen, am Mittag und Abends, in einer Karawane leben heißt: ständig packen, ewiges Knoten von Schnüren und Seilen. Die Bewegungen dabei sind fließend und gemächlich, ich erinnere mich nicht, einen einzigen Anflug von Hektik oder Ungeduld gesehen zu haben. Wozu auch? In der Sahara muss sich niemand soziologische Gedanken zum Thema Entschleunigung machen, weil es kein Gaspedal gibt und keine Bremse, weil der Rhythmus des Tages vorgegeben wird vom Aufgang und Untergang der Sonne, von der Mittagswärme im Frühling mit ihren fast 40 Grad, in der jeder nur Schatten und Ruhe sucht, und vom eintönigen Trott der Tiere, denn...
Die Wüste gehört den Kamelen.
Sie durchschreiten etwa vier Kilometer in der Stunde, nimmermüd auch am Abend noch, sie bewegen die Glieder gleichmäßig wie ein Metronom. Früher habe ich über diese Spezies gerne mal gespottet: dieses seitlich mahlende Maul, diese hohen X-Beine, dieses zerrupfte Fell – sieht doch grotesk aus! Inzwischen verneige ich mich voller Respekt, wenn ein Kamel meinen Weg kreuzt. Sie können sich auf der Stelle zusammenklappen wie ein Liegestuhl. Jede Stelle, die dabei den heißen Boden berührt, ist mit dickem Leder gepolstert. Stundenlang bin ich mit ihnen gewandert, habe das Klappscharnier am Fuß bewundert und ihr Gang, der mir zuerst ungelenk und tölpelhaft erschien, wurde mit jedem Schritt majestätischer. Chaupeau, Chameau! Wann haben die Kamele zuletzt getrunken, Sidi? „Vor zwei Monaten. Sie finden genug grünes Futter.“ Bei dem Begriff grünes Futter müsste eine deutscher Bauer herzhaft lachen. Das saftigste, was in dieser Gegend zu finden ist, sind hie und da schnittlauchartige Grasbüschel, zähe und runde Halme, die mit bloßen Händen nicht zu zerreißen sind. Saftig sind offenbar auch die vertrockneten Akazien, die sich als einzige weithin sichtbare Pflanzen halten, und mit ihren 35 Meter tiefen Wurzeln Feuchtigkeit tanken. Akazien schützen sich mit langen, harten Stacheln, die auch dicke Sohlen von Wanderschuhen durchdringen, aber die Kamele lutschen mit ihren weichen Wulstlippen an den Ästen, ohne sich zu verletzen. Du könntest den Kamelen an jedem Brunnen Wasser geben, Sidi. „Dann machen sie in der nächsten Dürreperiode schlapp“, sagt der alte Chamelier. Seiner folgenden Erklärung nach muss man sich ein Kamel wie den Akku eines älteren Elektrogerätes vorstellen: Auch da lässt langsam die Speicherkapazität nach, wenn ständig zu früh neue Energie geladen wird. Und schon wieder haben die Fremden etwas gelernt, denn...
Die Wüste ist eine Schule.
Sie lehrt einen, ohne fließend Wasser zu zurecht zu kommen, ohne Tische und Stühle und Bett, so wie sie einem beibringt, sich Kamelen morgens eher vorsichtig zu nähern, trotz der tierisch gewachsenen Zuneigung. Wiederkäuer gurgeln und gluckern dann recht laut, so, als würde an einem halbvollen Fass gerüttelt, und so ein fröhlicher Kamelrülpser duftet nach Gülle und vergorenem Kompost. Solches Wissen häuft sich quasi von alleine an, nur für manches braucht man einen Wüstenprofessor wie Jerome, der bereits seit einem Dutzend Jahren in den Wintermonaten durch diesen Teil der Sahara zieht. Lektion eins betrifft ein langes Tuch aus Baumwolle oder Gaze, den Chech (sprich: Schesch). Jerome rät gleich bei Ankunft in Ouadane: kaufen! Einen Turban?, ich, um Himmelswillen? Wie habe ich mich schon über Japaner in bayerischen Trachten lustig gemacht oder über Deutsche, die sich in Indien durch das Tragen eines Sari unglaublich authentisch fühlen! Bin ich ein Tuareg? Und was, wenn mich jemand mit Turban sieht und zuhause davon erzählt? Fragen eines Stümpers. Es gibt keinen Spiegel, in den ich die nächsten Tage schauen könnte. Und die Wahrscheinlichkeit, mitten in einem fast menschenleeren Gebiet auf Bekannte zu stoßen, ist verschwindend gering. Wir würden bis auf vereinzelte Nomadenfamilien gar niemanden treffen, wie sich zeigen sollte, was kein wirkliches Wunder ist; Mauretaniens Fläche ist bei zweieinhalb Millionen Einwohnern dreimal so groß wie die Deutschlands. Den Chech zu binden also war Lektion eins. Im Laufe der Zeit wurde er mir noch vertrauter als die Kamele. Er riecht besser und schützt vor Sonne. Bei Wind zieht man ihn vor den Mund. Er dient bei nächtlicher Kälte als Schal, als Kopfkissen und überhaupt als Fliegengitter. Ein Chech kostet 1500 Ouguiyas, etwa fünf Euro. Nur extrem teure Küchenmaschinen sind multifunktionaler einsetzbar. Lektion zwei betrifft die Pflichten im mobilen Haushalt, sie bestehen im Abwasch von Blechnapf, Löffel und Gabel. Dazu greift man nach dem Essen neben sich in den Sand, bestreut das Geschirr und verreibt den Sand mit den Fingern. Anfangs mutet einen das komisch an, doch auch die Großmutter in Deutschland hat ihre Wohnung noch mit Scheuersand sauber gehalten, und es funktioniert hervorragend. Lektion drei betrifft den Umstand , dass in der Wüste keine Dixi-Toiletten herumstehen. So wird an jedem Lagerplatz eine Himmelsrichtung vereinbart, und beim ersten Mal wurde auch klar, warum in den Reiseunterlagen „Feuerzeug mitbringen!“ stand. Jeder Fetzen Papier muss verbrannt werden, weil es in dieser extremen Trockenheit nie verrottet. Wir wollen die Reinheit dieser Landschaft nicht beschmutzen, denn...
Die Wüste ist eine Leinwand.
Ständig malt sie neue Bilder, wild-archaische und sentimental-kitschige, je nach Boden, Bewuchs, Licht und Wind. Es sind Bilder von Weite und Einsamkeit, auf denen der Horizont sich in die Unendlichkeit verschiebt. In meinen Notizen steht, auszugsweise,
2. Tag: gigantische Ebene, schneeweiß mit Puderzucker bestäubt; es sind alles winzige Muscheln in der Form spitzer Schnecken, wo mögen sie herkommen?
3. Tag: morgens wird die tintenschwarze Nacht in 15 Minuten zu einem jeansblauen Himmel (stonewashed), vor uns eine harte, hellgraue Zementplatte, vor zehntausenden Jahren war das ein See, an dem Giraffen, Löwen und Strauße tranken.
6. Tag: Die Sanddünen gibt es jetzt als endloses Meer, das Panorama verbreitet ein Wonnegefühl wie der Blick vom Gipfel eines Dreitausenders. Formen: Wipfel, Pobacken, Pyramiden, Hütchen, Sicheln...
8. Tag: neben dem Nejan-Tal die „singende Düne“, etwa 100 Meter hoch, ein Ausguck. Der Sand ist mal honiggelb, violett, bernsteinfarben, rostrot, beige; das Abendlicht färbt die Wölkchen wie Himbeerbonbons.
13. Tag: Die Sonne schwebt wie eine matte, silberne Christbaumkugel.
Es ist nicht verwunderlich, dass einem merkwürdige Gedanken kommen, denn...
Die Wüste ist ein philosophisches Seminar.
Ja, ich hatte vorher immer mal müde gelächelt bei der Lektüre diverser Bücher, selbst der verehrte und sonst völlig nüchterne Ryszard Kapuscinski schrieb über die Sahara: „Sie hat etwas Metaphysisches, Transzendentes. In der Wüste reduziert sich der ganze Kosmos auf ein paar Elemente. Es gibt nichts zwischen dir und Gott, zwischen dir und dem Weltall.“ Und? Nun liege ich selbst Nacht für Nacht im Schlafsack auf dem Rücken und starre verzückt nach oben, auf diese Sterne und Sternhaufen, die sich über den gesamten Horizont spannen, strahlend hell, weil es hier nirgendwo künstliche Lichtquellen gibt und die Luft rein ist, man sieht Satelliten ihre Bahn ziehen und Sternschnuppen ihre Silberfäden malen. Selbst einen beinharten Pragmatiker beschleicht da irgendwann dieses Ich-bin-nur-ein-Wurm-im-Universum-Gefühl und er fragt sich Fragen wie: Ist da draußen wer? Tagsüber ist der philosophische Seminarist in Bewegung. Es setzt einen Fuß vor den anderen, es steigt über Steine oder versinkt bis zu den Waden im Sand, drei bis vier Stunden am Morgen, ein bis zwei Stunden am späten Nachmittag, und auch die Monotonie befreit die Gedanken. Nur der Wind vertreibt gelegentlich die Stille.
Dann wieder sitzt der Seminarteilnehmer stundenlang auf einer Dünenkante und beobachtet einen emsigen Pillendreher. Wie er behend seine zarten Beinchen wirft, wie dieser Käfer sich auf dem Rücken liegend per Salto wieder auf die Füße schnellt, wie sein schwarzglänzender Panzer... Paolo Coelho würde sagen, dies sei ein magischer Moment, eine mystische Naturerfahrung. Ich will nur wirklich nicht zu dick auftragen, aber es stimmt schon. Denn...
Die Wüste ist eine Wundertüte.
Denn nirgendwo sonst würde ich fünf dünne Feuchttücher täglich als Luxus empfinden. Sie sind völlig ausreichend, am Abend einen verschwitzten Körper zu reinigen. Nirgendwo sonst würde ich das täglich selbe Essen aus Cous-cous, Reis, Nudeln, Möhren, Kartoffeln und Dosengemüse als kulinarische Labsal empfinden, stilvoll im Alutopf serviert von Maitre Sidat. Unterdessen widmet sich Mahmoud dem Tee. Es ist eine kultische Handlung, in der grüner Tee, viel Zucker und frische Minze die Hauptrolle spielen. Jede längere Pause wird genutzt, ein paar Stücke Holzkohle anzufeuern und ein Kännchen darauf zu stellen. Mahmoud zelebriert das mit den weiten Bewegungen eines segnenden Papstes, Tee prasselt aus der Höhe in kleine Gläser, Schaum entsteht, drei kleine Espressoschlucke für jeden von uns, süß, stark, feurig.
Wann hast du Geburtstag, Mahmoud? „Am 31. Dezember. Ich bin geboren in der Zeit der Revolution, irgendwann zwischen 1960 und 1964.“
Und Sidi? „Er kam in dem Jahr zur Welt, als es weiße Melonen gab. Auch am 31. Dezember. Fast jeder Mauretanier hat in seinem Pass dieses Datum stehen. Denn wenn Eltern irgendwann die Geburt eines Kindes melden, erinnern sie sich nicht mehr an den genauen Tag. Und die Beamten in der fernen Stadt nehmen dann einfach den letzten Tag eines Jahres.“
Wichtig ist nicht, wann du geboren bist. Wichtig ist nur, dass du lebst. Vielleicht sind das die geistigen Wurzeln jeder Existenz in der Wüste: Die Reduktion aufs Wesentliche. Vielleicht erklärt dies auch die Demut und die Achtung, mit der sie hier ihre Tiere behandeln und jedes armselige Stückchen Holz fürs Feuer mit sich tragen. Merkwürdig, es ist eine Reise von nur fünf Flugstunden hierher, aber… Die Wüste ist ein anderer Planet.
Zu Fuß durchs Sandmeer
Der Autor war mit der 15-tägigen Karawane der Vielfalt in Mauretanien unterwegs. Diese Reise findet in der nächsten Saison von November bis April insgesamt vier mal statt. Mehr Infos + Termine zur Reise finden Sie unter der Rubrik Wanderreisen/ Mauretanien
Die Wüste ist eine Sanduhr.
Hier verrinnt die Zeit mit einer Gleichmäßigkeit, die von nichts und niemandem unterbrochen wird. Eine heitere Schläfrigkeit hatte mich angesprungen schon beim ersten Kontakt in Ouadane, einem ausgestorbenen Ort in Mauretanien, dessen steinerne Reste einem erklären, dass hier einmal 20 000 Menschen wohnten, an dieser Schnittstelle großer Karawanen, hunderte Jahre ist das her. Unsere Herberge lag einige Gehminuten abseits des historischen Ouadane, sie bestand aus großen Zelten, deren Fußböden mit Teppichen ausgelegt waren, nachts zeigte das Thermometer null Grad. Den ersten Schleier von Müdigkeit führte ich auf die Anfahrt zurück, den Flug, das übliche Entspannen zu Beginn einer Reise. Doch es sollte sich zeigen, dass dieses wohlige Schlummern nie wieder ganz weichen würde. Wandern in der Wüste ist auch ein somnambuler Trip durch eine andere Galaxis. Liegt das am Stetigen, dem sich wie ein Mantra Wiederholdenden; erschöpft die Freiheit von der Zivilisation? Jeden Morgen um viertel nach sechs die Stimme von Jerome, dem deutschen Organisator der Tour, die zum Aufstehen bittet. Er hat dabei eine schöne Strecke zu gehen, denn jeder Wanderer will alleine sein und sucht sich seinen Schlafplatz an möglichst windgeschützter Stelle. Isomatten und Schlafsäcke werden eingerollt, unterdessen hat Sidat, der Koch, Wasser heiß gemacht und das Frühstück zwischen vier Matten angerichtet. Liegen, gehen, sitzen, niemand verliert zwei Wochen lang den Kontakt zum natürlichen Boden, auf keinem der 200 Kilometer, die wir zu Fuß zurücklegen werden, und vielleicht ist es auch das, was einen so erdet. Sidi hat bereits im Dunkeln seine sieben Kamele zusammen getrieben, die Nachts umherstreifend Futter suchen und nun beladen werden; auch Mahmoud hilft dabei, unser heimischer Führer. Routinierte Griffe gehen Hand in Hand, endlos wiederholt am Morgen, am Mittag und Abends, in einer Karawane leben heißt: ständig packen, ewiges Knoten von Schnüren und Seilen. Die Bewegungen dabei sind fließend und gemächlich, ich erinnere mich nicht, einen einzigen Anflug von Hektik oder Ungeduld gesehen zu haben. Wozu auch? In der Sahara muss sich niemand soziologische Gedanken zum Thema Entschleunigung machen, weil es kein Gaspedal gibt und keine Bremse, weil der Rhythmus des Tages vorgegeben wird vom Aufgang und Untergang der Sonne, von der Mittagswärme im Frühling mit ihren fast 40 Grad, in der jeder nur Schatten und Ruhe sucht, und vom eintönigen Trott der Tiere, denn...
Die Wüste gehört den Kamelen.
Sie durchschreiten etwa vier Kilometer in der Stunde, nimmermüd auch am Abend noch, sie bewegen die Glieder gleichmäßig wie ein Metronom. Früher habe ich über diese Spezies gerne mal gespottet: dieses seitlich mahlende Maul, diese hohen X-Beine, dieses zerrupfte Fell – sieht doch grotesk aus! Inzwischen verneige ich mich voller Respekt, wenn ein Kamel meinen Weg kreuzt. Sie können sich auf der Stelle zusammenklappen wie ein Liegestuhl. Jede Stelle, die dabei den heißen Boden berührt, ist mit dickem Leder gepolstert. Stundenlang bin ich mit ihnen gewandert, habe das Klappscharnier am Fuß bewundert und ihr Gang, der mir zuerst ungelenk und tölpelhaft erschien, wurde mit jedem Schritt majestätischer. Chaupeau, Chameau! Wann haben die Kamele zuletzt getrunken, Sidi? „Vor zwei Monaten. Sie finden genug grünes Futter.“ Bei dem Begriff grünes Futter müsste eine deutscher Bauer herzhaft lachen. Das saftigste, was in dieser Gegend zu finden ist, sind hie und da schnittlauchartige Grasbüschel, zähe und runde Halme, die mit bloßen Händen nicht zu zerreißen sind. Saftig sind offenbar auch die vertrockneten Akazien, die sich als einzige weithin sichtbare Pflanzen halten, und mit ihren 35 Meter tiefen Wurzeln Feuchtigkeit tanken. Akazien schützen sich mit langen, harten Stacheln, die auch dicke Sohlen von Wanderschuhen durchdringen, aber die Kamele lutschen mit ihren weichen Wulstlippen an den Ästen, ohne sich zu verletzen. Du könntest den Kamelen an jedem Brunnen Wasser geben, Sidi. „Dann machen sie in der nächsten Dürreperiode schlapp“, sagt der alte Chamelier. Seiner folgenden Erklärung nach muss man sich ein Kamel wie den Akku eines älteren Elektrogerätes vorstellen: Auch da lässt langsam die Speicherkapazität nach, wenn ständig zu früh neue Energie geladen wird. Und schon wieder haben die Fremden etwas gelernt, denn...
Die Wüste ist eine Schule.
Sie lehrt einen, ohne fließend Wasser zu zurecht zu kommen, ohne Tische und Stühle und Bett, so wie sie einem beibringt, sich Kamelen morgens eher vorsichtig zu nähern, trotz der tierisch gewachsenen Zuneigung. Wiederkäuer gurgeln und gluckern dann recht laut, so, als würde an einem halbvollen Fass gerüttelt, und so ein fröhlicher Kamelrülpser duftet nach Gülle und vergorenem Kompost. Solches Wissen häuft sich quasi von alleine an, nur für manches braucht man einen Wüstenprofessor wie Jerome, der bereits seit einem Dutzend Jahren in den Wintermonaten durch diesen Teil der Sahara zieht. Lektion eins betrifft ein langes Tuch aus Baumwolle oder Gaze, den Chech (sprich: Schesch). Jerome rät gleich bei Ankunft in Ouadane: kaufen! Einen Turban?, ich, um Himmelswillen? Wie habe ich mich schon über Japaner in bayerischen Trachten lustig gemacht oder über Deutsche, die sich in Indien durch das Tragen eines Sari unglaublich authentisch fühlen! Bin ich ein Tuareg? Und was, wenn mich jemand mit Turban sieht und zuhause davon erzählt? Fragen eines Stümpers. Es gibt keinen Spiegel, in den ich die nächsten Tage schauen könnte. Und die Wahrscheinlichkeit, mitten in einem fast menschenleeren Gebiet auf Bekannte zu stoßen, ist verschwindend gering. Wir würden bis auf vereinzelte Nomadenfamilien gar niemanden treffen, wie sich zeigen sollte, was kein wirkliches Wunder ist; Mauretaniens Fläche ist bei zweieinhalb Millionen Einwohnern dreimal so groß wie die Deutschlands. Den Chech zu binden also war Lektion eins. Im Laufe der Zeit wurde er mir noch vertrauter als die Kamele. Er riecht besser und schützt vor Sonne. Bei Wind zieht man ihn vor den Mund. Er dient bei nächtlicher Kälte als Schal, als Kopfkissen und überhaupt als Fliegengitter. Ein Chech kostet 1500 Ouguiyas, etwa fünf Euro. Nur extrem teure Küchenmaschinen sind multifunktionaler einsetzbar. Lektion zwei betrifft die Pflichten im mobilen Haushalt, sie bestehen im Abwasch von Blechnapf, Löffel und Gabel. Dazu greift man nach dem Essen neben sich in den Sand, bestreut das Geschirr und verreibt den Sand mit den Fingern. Anfangs mutet einen das komisch an, doch auch die Großmutter in Deutschland hat ihre Wohnung noch mit Scheuersand sauber gehalten, und es funktioniert hervorragend. Lektion drei betrifft den Umstand , dass in der Wüste keine Dixi-Toiletten herumstehen. So wird an jedem Lagerplatz eine Himmelsrichtung vereinbart, und beim ersten Mal wurde auch klar, warum in den Reiseunterlagen „Feuerzeug mitbringen!“ stand. Jeder Fetzen Papier muss verbrannt werden, weil es in dieser extremen Trockenheit nie verrottet. Wir wollen die Reinheit dieser Landschaft nicht beschmutzen, denn...
Die Wüste ist eine Leinwand.
Ständig malt sie neue Bilder, wild-archaische und sentimental-kitschige, je nach Boden, Bewuchs, Licht und Wind. Es sind Bilder von Weite und Einsamkeit, auf denen der Horizont sich in die Unendlichkeit verschiebt. In meinen Notizen steht, auszugsweise,
2. Tag: gigantische Ebene, schneeweiß mit Puderzucker bestäubt; es sind alles winzige Muscheln in der Form spitzer Schnecken, wo mögen sie herkommen?
3. Tag: morgens wird die tintenschwarze Nacht in 15 Minuten zu einem jeansblauen Himmel (stonewashed), vor uns eine harte, hellgraue Zementplatte, vor zehntausenden Jahren war das ein See, an dem Giraffen, Löwen und Strauße tranken.
6. Tag: Die Sanddünen gibt es jetzt als endloses Meer, das Panorama verbreitet ein Wonnegefühl wie der Blick vom Gipfel eines Dreitausenders. Formen: Wipfel, Pobacken, Pyramiden, Hütchen, Sicheln...
8. Tag: neben dem Nejan-Tal die „singende Düne“, etwa 100 Meter hoch, ein Ausguck. Der Sand ist mal honiggelb, violett, bernsteinfarben, rostrot, beige; das Abendlicht färbt die Wölkchen wie Himbeerbonbons.
13. Tag: Die Sonne schwebt wie eine matte, silberne Christbaumkugel.
Es ist nicht verwunderlich, dass einem merkwürdige Gedanken kommen, denn...
Die Wüste ist ein philosophisches Seminar.
Ja, ich hatte vorher immer mal müde gelächelt bei der Lektüre diverser Bücher, selbst der verehrte und sonst völlig nüchterne Ryszard Kapuscinski schrieb über die Sahara: „Sie hat etwas Metaphysisches, Transzendentes. In der Wüste reduziert sich der ganze Kosmos auf ein paar Elemente. Es gibt nichts zwischen dir und Gott, zwischen dir und dem Weltall.“ Und? Nun liege ich selbst Nacht für Nacht im Schlafsack auf dem Rücken und starre verzückt nach oben, auf diese Sterne und Sternhaufen, die sich über den gesamten Horizont spannen, strahlend hell, weil es hier nirgendwo künstliche Lichtquellen gibt und die Luft rein ist, man sieht Satelliten ihre Bahn ziehen und Sternschnuppen ihre Silberfäden malen. Selbst einen beinharten Pragmatiker beschleicht da irgendwann dieses Ich-bin-nur-ein-Wurm-im-Universum-Gefühl und er fragt sich Fragen wie: Ist da draußen wer? Tagsüber ist der philosophische Seminarist in Bewegung. Es setzt einen Fuß vor den anderen, es steigt über Steine oder versinkt bis zu den Waden im Sand, drei bis vier Stunden am Morgen, ein bis zwei Stunden am späten Nachmittag, und auch die Monotonie befreit die Gedanken. Nur der Wind vertreibt gelegentlich die Stille.
Dann wieder sitzt der Seminarteilnehmer stundenlang auf einer Dünenkante und beobachtet einen emsigen Pillendreher. Wie er behend seine zarten Beinchen wirft, wie dieser Käfer sich auf dem Rücken liegend per Salto wieder auf die Füße schnellt, wie sein schwarzglänzender Panzer... Paolo Coelho würde sagen, dies sei ein magischer Moment, eine mystische Naturerfahrung. Ich will nur wirklich nicht zu dick auftragen, aber es stimmt schon. Denn...
Die Wüste ist eine Wundertüte.
Denn nirgendwo sonst würde ich fünf dünne Feuchttücher täglich als Luxus empfinden. Sie sind völlig ausreichend, am Abend einen verschwitzten Körper zu reinigen. Nirgendwo sonst würde ich das täglich selbe Essen aus Cous-cous, Reis, Nudeln, Möhren, Kartoffeln und Dosengemüse als kulinarische Labsal empfinden, stilvoll im Alutopf serviert von Maitre Sidat. Unterdessen widmet sich Mahmoud dem Tee. Es ist eine kultische Handlung, in der grüner Tee, viel Zucker und frische Minze die Hauptrolle spielen. Jede längere Pause wird genutzt, ein paar Stücke Holzkohle anzufeuern und ein Kännchen darauf zu stellen. Mahmoud zelebriert das mit den weiten Bewegungen eines segnenden Papstes, Tee prasselt aus der Höhe in kleine Gläser, Schaum entsteht, drei kleine Espressoschlucke für jeden von uns, süß, stark, feurig.
Wann hast du Geburtstag, Mahmoud? „Am 31. Dezember. Ich bin geboren in der Zeit der Revolution, irgendwann zwischen 1960 und 1964.“
Und Sidi? „Er kam in dem Jahr zur Welt, als es weiße Melonen gab. Auch am 31. Dezember. Fast jeder Mauretanier hat in seinem Pass dieses Datum stehen. Denn wenn Eltern irgendwann die Geburt eines Kindes melden, erinnern sie sich nicht mehr an den genauen Tag. Und die Beamten in der fernen Stadt nehmen dann einfach den letzten Tag eines Jahres.“
Wichtig ist nicht, wann du geboren bist. Wichtig ist nur, dass du lebst. Vielleicht sind das die geistigen Wurzeln jeder Existenz in der Wüste: Die Reduktion aufs Wesentliche. Vielleicht erklärt dies auch die Demut und die Achtung, mit der sie hier ihre Tiere behandeln und jedes armselige Stückchen Holz fürs Feuer mit sich tragen. Merkwürdig, es ist eine Reise von nur fünf Flugstunden hierher, aber… Die Wüste ist ein anderer Planet.
Zu Fuß durchs Sandmeer
Der Autor war mit der 15-tägigen Karawane der Vielfalt in Mauretanien unterwegs. Diese Reise findet in der nächsten Saison von November bis April insgesamt vier mal statt. Mehr Infos + Termine zur Reise finden Sie unter der Rubrik Wanderreisen/ Mauretanien






