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BRIGITTE BALANCE 2/2008 - Ab in die Wüste: Wandern in der Sahara
von Nikola Haaks
Es gibt ein paar Dinge, die lernt man nur in der Wüste. Wie wichtig gutriechende Feuchttücher sind zum Beispiel. Ich habe einen kleinen Fehler gemacht und beim Kauf der Tücher Quantität Qualität vorgezogen. Der auf der Packung beschriebene Aloe-Vera-Duft entpuppte sich als Klostein-Moschus-Mischung. Dummer Anfängerfehler, passiert mir nicht wieder. Aber das war ja alles noch damals, VOR der Wüste. Nach einer Wüstenwanderung unterteilt sich das Leben zwangsläufig in VOR und NACH der Wüste. Vor der Wüste denkt man, dort gäbe es nur Sand, es sei immer rasend heiß, man könne sowieso nie nichts denken, zwei Wochen ohne Alkohol gehen gar nicht, und die Tuareg würden wenigstens zum Schlafen ihren Turban mal abnehmen. Nach der Wüste weiß man, dass es dort sehr steinig ist, arschkalt sein kann, man sehr wohl stundenlang nichts denken kann, nicht eine Sekunde den Alkohol vermisst und die Tuareg nie – wirklich nie – ihren Turban abnehmen. Und dass gute Feuchttücher das zweitwichtigste Wüstenutensil sind – nach Wasser, aber das gibt´s selten.

Im Charterflug nach Libyen nehme ich neben Katja aus Berlin Platz, die als einzige so aussieht, als wolle sie ein gepflegtes Wochenende auf Sylt verbringen: hellbeige Stoffhose, olivgrüne Steppjacke, Longchamptasche. Sie hebt sich damit eindeutig vom üblichen Wüstenurlauber ab, der Cargopants, Vliespulli und Treckingsandale mit Sportsocke trägt. Ich liege kleidungstechnisch irgendwo in der Mitte, erkenne aber schnell, dass ich in Katja eine ebenso ahnungslose Mitstreiterin für das Leben in Extrembedingungen haben werde. Wir beide werden uns die nächsten zwei Wochen ein kleines Zelt teilen, jeden Abend im Dunkeln erst unsere Taschenlampen und dann das Klopapier suchen, nie auf Anhieb die richtigen Klamotten in unseren zerwühlten Taschen finden, und gemeinsam auf einer Sanddüne nach Katjas Kontaktlinse fahnden. Mit Erfolg. Die Sahara ist die Königinmutter aller Wüsten und ich begegne ihr mit gebührendem Respekt. Der Erstkontakt findet allerdings wenig feierlich in einem nach Diesel stinkenden Jeep unter permanenter Musik-Beschallung statt, abwechselnd arabisch und Celine Dion. Es gibt zwei leiernde Kassetten für den 12 Stunden dauernden Transfer vom Ankunftsort Sebbah in die Wüste. Aber selbst wenn es 20 geben würde: es würde die Sache nicht besser machen. Als wir endlich am Rande des Akakusgebirges ankommen, bin ich vom Diesel-Musik-Gemisch leicht benommen. Es ist stockdunkel und das einzige, was leuchtet, ist ein kleines Feuer an dem „unsere“ Tuareg sitzen, von oben bis unten verhüllt. Der Koch Abdullah, unser guide Otman die beiden Kamelführer Hassan und Imran und der Polizist Mohammed. Es riecht fremd, es hört sich fremd an und es ist kalt. Ich fühle mich, als wäre ich in einem Gangsterfilm gelandet.

Bei einem ersten Abendessen nähern wir uns an: Maximilian, Beate, Matthias (Berlin) und Willi (Schwarzwald) haben schon Wüstenwander-Erfahrung. Conny und Jörg aus Lörrach haben vor zwei Jahren eine Jeep-Tour durch die Sanddünen in Tunesien gemacht (von der Conny immer noch schlecht ist, deswegen will sie diesmal laufen); Herbert, Katja und ich sind die Greenhorns. Herbert hat allerdings noch den kleinen Vorteil, dass er mit unserer Reiseleiterin Christiane befreundet ist, und die Fachfragen im Vorfeld klären konnte. Fachfrage eins: wie baut man im Stockdunkeln ein Zweimannzelt auf? Fachfrage zwei: gibt es hier Skorpione und Schlangen? Fachfrage drei: wie um alles in der Welt zündet man bei Wind das gebrauchte Klopapier an? Fachfrage vier: nach wie vielen Tagen darf man sich ohne schlechtes Gewissen wegen der knappen Wasservorräte die Haare waschen? Wir haben alle diese Fragen geklärt. Das mit dem Zweimannzelt noch am ersten Abend. Wobei sich herausstellte, dass Katja und ich die einzigen beiden Weicheier waren, die im Zelt schlafen wollten. Das mit dem Klopapier auch (draufstellen). Das mit den Haaren klärte sich notgedrungen an Tag 4 (1,5 L Wasser aus der PET-Flasche reichen locker für eine Haarwäsche inklusive Ganzkörperreinigung).

Eine Wüstenwanderung muss man sich so vorstellen, als würde man Tag für Tag durch einen teuren großformatigen Bildband laufen. Die Sanddünen haben wirklich diese unglaublich intensive Ocker-Färbung und die Kanten sind wirklich so scharf geschwungen, wie man das von Fotos kennt. Die Kamelkarawane, die unser Gepäck trägt, sieht genauso aus wie man sie sich in der Romanvorlage „Tuareg“ vorstellt. Manchmal sind wir schneller als die Kamele, weil das Bepacken länger dauert. Dann warten wir am abgesprochenen Rastplatz, und wenn sie plötzlich auftauchen, erst noch verschwommen am Horizont, leicht schwankend näher kommen, beladen mit Taschen, Töpfen und Matten, ruft jemand: „Da sind unsere Kamele“ - und es ist, als würden wir seit jeher durch die Wüste wandern. Die Mittags-Rastplätze, meistens unter einer schattigen Akazie, erinnern an Filmszenen aus „Jenseits von Afrika“, und wenn wir nach dem Essen müde auf den Matten dösen und uns die Fliegen um die Nase schwirren, muss ich immer an den einen Werbespot denken, der zwar in der Karibik spielt – die lässige Stimmung ist aber die gleiche. Und das Azurblau des Himmels auch. Nur einmal hatte der Himmel sich verirrt. Er wollte wohl eher nach Büsum. Es war am fünften Tag. Wir waren auf einem steinigen Plateau mitten im Akakus-Gebirge, der Himmel zog sich plötzlich zu und es kam merkwürdig kalter Wind auf. Kündigt sich so ein Sandsturm an? Ich hatte gehört, dass ein Sandsturm so ungefähr das Letzte ist, was man auf einer Wüstenwanderung gebrauchen kann. Man kann nichts mehr sehen, wird geschmirgelt, wie ein Stück Holz, und hat überall Sand: in den Augen, der Nase und vor allem im Gepäck. Ich frage Christiane, was dieser Wetterumschwung zu bedeuten hat, sie fragt auf Tamascheg Otman. „Hicki-hicki“, sagt Otman, was soviel heißt wie „Kann sein, muss aber nicht“. „Hicki-hicki“ sagen die Tuareg, wenn sie sich nicht festlegen wollen. Und das wollen sie selten. Wie lange gehen wir heute? „Hicki-hicki“. Sind die Franzosen netter oder die Deutschen? „Hicki-hicki“.

Wir haben Glück und bleiben vom Sandsturm verschont. Dafür wird es ein extrem kalter Abend, denn der einzige Rastplatz ist eine windige Sandinsel mit ein bisschen Gestrüpp inmitten des Felsplateaus. Wir warten sehnsüchtig auf den großen Kupferkessel mit dem heißen Wasser, den unser Koch Abdullah uns immer sofort nach der Ankunft am Lagerplatz aufsetzt, damit wir Tee oder Instantkaffee trinken können. Wenn er das Wasser erhitzt und uns die Kekse dazu serviert hat, fängt er mit den Vorbereitungen fürs Abendessen an.

Der Tagesablauf ist simpel: Frühstück, laufen bis zum Mittag, Pause, laufen, Abendessen, sitzen, lesen, reden. Schlafen wie ein Stein. Abdullah ist der Tim Mälzer Libyens. Er schneidet wie ein Schnellfeuergewehr Gemüse und redet auch so – leider nur Tamascheck, so dass man nichts versteht. Es gibt immer frisches Gemüse, Reis und Couscous, mittags eine riesengroße Salatplatte. Einmal macht er uns sogar Pommes. Ich schlage vor, dass wir ihm in Deutschland eine eigene TV-Show beschaffen: „Abdullahs kitchen“. Als Christiane versucht, ihm diese Idee in Tamascheck, ein Dialekt des Arabischen, zu übersetzen, schreit Abdullah begeistert auf und die anderen Tuareg lachen sich tot. Abdullah televison, ha, ha! Die Wüste ist eine andere Welt. Was hier zählt, sind geschützte Rastplätze und ausreichend Futter für die Kamele. Die wenigsten Tuareg sind noch Nomaden, aber sie haben es im Blut. Sie absolvieren das tägliche Wanderpensum von 12 bis 15 km ohne mit der Wimper zu zucken in Schlappen (Mohammed), kaputten Plastikturnschuhen (Otman) oder Herrenstiefeletten (Hassan). Sie wechseln ihre Kleidung einmal wöchentlich und die Turbane eventuell. Was sie wohl denken über uns High-Tech-ausgerüstete Urlauber, die mit Goretex-Wanderstiefeln, Membranjacken, Designer-Sonnenbrillen, Skistöcken und Feuchttüchern in ihrer Wüste herumlaufen? Sie würden auf diese Frage nie ehrlich antworten, das wäre unhöflich. Sie gehen gerne mit Touristen in die Wüste, sagen sie, weil sie überhaupt gerne in die Wüste gehen. Fragen stellen sie keine. Außer Hassan, der fragt Christiane eines Abends, ob sie in Deutschland auch ein Kamel hat. Wer Geld hat, eine Wüstentour zu machen, hat auch ein Kamel, ist doch klar. Dafür stellen wir uns untereinander umso mehr Fragen. Ganz gemächlich, beim Gehen. Mal plaudert man mit dem, mal mit dem. Bald ist die Gruppe eingegrooved.

Die Tuareg haben uns Spitznamen gegeben (wer kann schon „Maximilian“ aussprechen) und wir wissen, jeder von jedem, was wir im sonstigen Leben machen, und warum. Katja hat inzwischen aufgegeben sich über ihren dreckigen (weil leider einzigen) Pulli zu ärgern, Herbert hat kapiert, dass man mit Joggingschuhen nicht Wüstenwandern kann, und ich höre auf, damit zu hadern, dass ich zu wenig Unterhosen eingepackt habe. Wir haben uns gemeinschaftlich Matthias zur Brust genommen, der sich immer in unbändigem Bewegungsdrang von der Gruppe entfernt und auf einer Etappe plötzlich verschwunden ist; haben Conny aufgepäppelt, die am Anfang eine Erkältung hatte, und über Rolf Eden, das deutsche Bildungssystem und Pauschalreisen diskutiert. Einige von uns haben Entscheidungen getroffen, andere wissen zumindest, dass sie welche treffen müssen. Das Wandern in der Wüste macht auf eine unaufgeregte Art und Weise den Kopf klar. Oder wie Maximilian sagt: „Es macht irre gelassen“. Als ich wieder in der Zivilisation bin und mein Handy anmache, sehe ich die sms meiner Freundin Sille: „... und wenn du dich verschachern lässt: nicht unter 10 Kamelen“. Nein, keine Sorge, ich komme zurück. Schweren Herzens zwar, aber ich komme. Abdullah ist schon vergeben, ich spreche kein Tamascheck und meine Feuchttücher sind alle.

Die Journalistin Nikola Haaks hat mit Wüstenwandern die Reise Ins Bergmassiv der Tuareg in Libyen gemacht.
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