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DIE ZEIT 22.11.2007 - Ganz große Düne

Ganz große Düne
von Bjørn Erik Sass
Nichts ist romantischer als ein Fußmarsch durch die Wüste Badain Jaran: Zelten unterm Sternenhimmel, Berge aus Sand erklimmen – und die Kamele tragen das Bier
In der Wüste Badain Jaran gibt es keine Wellenreitbretter zu kaufen. In diesem Teil der chinesischen Gobi surfen sie auf Kamelen. Das klingt vielleicht wie ein Witz, aber danach ist mir wirklich nicht zumute. Ich liege auf der höchsten Düne der Welt, als ich das Kamelsurfen zum ersten Mal sehe. Biluthu heißt dieser Berg aus Sand, und es waren beinahe 520 Meter von seinem Fuß bis zum Gipfel. Dort, den Aufstieg geschafft und zu allen Seiten diese grandiose Aussicht, ist ein perfekter Ort, um vollkommen glücklich zu sein. So wie meine Mitreisenden. Die umarmen sich, Jerôme ruft immer wieder »Boah!«, obwohl er schon seit zwanzig Jahren durch Wüsten wandert. Sie machen Action-Fotos voneinander und teilen eiserne Keksrationen. »So schön, als tanzten wir durch eine Postkarte!«, jauchzt Gesine. Da würde ich gern mitmachen. Mir ist leider vor allem schwindelig. So hoch diese Dünen, so weit diese Landschaft und so oft in der letzten Nacht mit meinem empfindlichen Magen hinter dem Gebüsch gewesen. An Tanzen ist nicht zu denken. Ewig kann ich mich aber nicht mehr apathisch in den Hang krallen, sonst bin ich der Letzte, und allein wird es noch schlimmer. Die anderen fangen an, talwärts zu gehen. Einige laufen sogar, weil das im Sand so ein Heidenspaß ist. Davon wird mir schon vom Zuschauen noch schlechter. Inzwischen sind auch unsere drei mongolischen Begleiter mit den Kamelen oben angekommen. Die sorgen für den gemütlichen Teil der Reise, denn während wir zehn Reisenden eine Woche lang durch die Wüste wandern, tragen sie unser Gepäck, die Zelte, die Lebensmittel, die Küche, das Wasser, den Wein, das Bier und den Schnaps. Zum Kamelsurfen muss man wissen, dass Kamele beladen nicht gern stehen, das tut ihnen in den Füßen weh. Unter unseren 14 Tieren ist ein besonders bockiger Jungbulle. Der schreit und tritt jeden Morgen, als hätte er eine Sondervereinbarung mit dem Tierschutzbund. Auf dieser Riesendüne nun will er nicht warten, bis die Mongolen die Route für den Abstieg fertig besprochen haben. Er geht also schon mal vor – und fällt voll auf die Schnauze. Vergaß leider, dass er noch an seinen Vordermann geknotet war, der nicht mitwollte. Der Strick hat sich jetzt gelöst, die Ladung auch, das Problemkamel liegt Kopf abwärts auf dem Rücken und spielt toter Mann. Ich denke sofort an gebrochene Beine und an Notschlachtung, aber Mongolen beeindruckt so was ja gar nicht, da sind sie hier in der Inneren, chinesischen Mongolei so cool wie ihre Verwandten im nördlichen Nachbarland. Einer zieht das Kamel am Nasenpflock, der andere schiebt und tritt hinten kräftig rein. Irgendwann gibt der Sand nach, das Tier kommt, mit den Läufen senkrecht in den Himmel, ins Rutschen, der hintere Mongole springt auf und gleitet eine Strecke hinunter. Dort steht das Kamel auf und versteckt sich kleinlaut hinter Büschen, ich vergesse endlich meine Benommenheit und steige die Düne hinab. Am meisten beeindruckt mich, dass die Mongolen bei all dem Schrecken nie aufhören zu lachen.
»Alashan« ist mongolisch und heißt:Schönheit und Reichtum
Mit der gleichen guten Laune reichen sie später getrocknetes Kamelfleisch als Snack herum, während wir das Lager errichten, gleich am Fuß dieser Biluthu-Düne. Lager errichten, das klingt ein bisschen pompös: Wir müssen uns nur einen Schlafplatz suchen, das Einmannzelt aufstellen, Isomatte und Schlafsack ausbreiten. Alles Übrige machen ja die Mongolen: Kamele versorgen, Essens- und Küchenzelt aufbauen, kochen. Also sitzen am Abend zehn Wüstenwanderer verstreut im Sand. Sie warten, trinken Bier in der untergehenden Sonne und versuchen zu zählen, wie viele Gelb- und Brauntöne es in dieser Wüste gibt; und immer, wenn man glaubt, jetzt hat man sie aber wirklich endlich alle, taucht an der nächsten Düne ein neuer Farbton auf. Die Wüste ist ja ein großartiger Ort, um spirituell zu werden und von Grenzerfahrungen, neuen Perspektiven, magischen Momenten zu sprechen. Und welche Wüste käme dafür besser infrage als unsere? Jerôme, der Veranstalter, hat die Badain Jaran ja nicht zufällig ausgesucht. Badain Jaran liegt im Westen des Alashan-Plateaus. »Alashan« ist mongolisch und bedeutet: Schönheit und Reichtum. Das klang für uns zuerst ironisch, als wir stundenlang durch dieses flache, karge, fahle Land fuhren. Dann aber waren auf einmal diese Riesendünen da und die Seen. Die gibt es wirklich, die sind keine Fata Morgana. 140 sollen es sein, sie speisen sich aus Grundwasser und aus Regen, der durch die Dünen sickert und dabei jede Menge Salz und Mineralien aus dem Sand löst. Davon sind diese Seen so gesättigt, dass man nicht in ihnen baden kann. Weiß, gelb und bräunlich lagern sich die Stoffe am Ufer ab. Zusammen ist das nun so viel Schönheit und Reichtum, wie man sich nur wünschen kann. Darum wird »Alashan!« zum Motto dieser Reise, wir prosten uns damit zu, rufen es von Gipfeln und wünschen uns damit guten Appetit.
Zum Essen kann ich sagen: Es ist viel. Und lecker. Wie die Mongolen das mit nur einer Kocherflamme schaffen und dabei so entspannt bleiben, ist uns jeden Abend ein Rätsel. Kurz nacheinander bringen sie ein halbes Dutzend verschiedener Gerichte ins Essenszelt, wo wir eng nebeneinander auf Hockern sitzen und fressen wie die Raupen, und sie kichern noch fröhlich über unseren guten Appetit. Befriedigend wurde übrigens gleich am ersten Abend die Hundefrage beantwortet: Die würden sie hier in der Inneren Mongolei nicht essen, sagte Ning. Das erzählen sie ausländischen Touristen wahrscheinlich in ganz China, aber Ning glauben wir. Ning ist unser chinesischer Führer, unser Han-chinesischer Führer, genauer gesagt. Chinesen sind ja auch die Mongolen. Ning war es, der Jerôme geraten hat, für seine erste Reise in die Gobi diese Gegend zu wählen. Ning hat uns am Anfang auch erklärt, in China müsse man immer einen kleinen Rest in der Schüssel lassen, das sei sonst unhöflich, aber daran hält sich schon am ersten Wüstentag niemand mehr. Weil wir diese Platten mit chiligewürzten Auberginen und süßsaurem Hähnchen, mit handgezogenen Nudeln und scharf angebratenem Hammel, mit Rind und Schwein und sogar Tofu so schnell leeren, gibt es immer eine kurze ratlose Pause. Die nutzt Klaus gern, um verstaubte Witze aus der DDR zu erzählen. Klaus ist ein Ingenieur aus Thüringen mit riesigen Pranken, mit denen er seiner Frau Doris auch nach 25 Jahren Ehe immer wieder Haarsträhnen hinters Ohr streicht. Klaus ist dermaßen gelassen und grundheiter, dass nicht mal Ning ihm seine vierzig Jahre alten Witze über die chinesische Armee übel nimmt.
Kristian macht Tai-Chi. Ich will auch in Schwung kommen und trinke eine Cola
Wer Klaus’ Witze nicht hören will und trotzdem im Zelt bleiben möchte, singt oder sagt Gedichte auf; und dann sind wir ruck, zuck! mittendrin in der allerschönsten Lagerfeuerromantik. Nur eben ohne Lagerfeuer, denn an den Seen wachsen meist zwar Bäume, aber die können wir schlecht für unsere Abendunterhaltung abholzen. Ohnehin bettet man sich in der Wüste zeitig. Das hat vor allem damit zu tun, dass man hier in einem Hotel mit Millionen Sternen schläft. Alle, alle, die schon mal in der Wüste waren, schwärmen vom dortigen Lichterzauber. Also legen wir uns abends pflichtbewusst vor die Zelte. Und sind gespannt. Zum Beispiel: Ob die Wolkendecke noch aufreißt? Der Sandsturm nachlässt? Wann der Mond wohl hinter einer Kuppe verschwindet? Einmal auch: Ob der Regen bitte wenigstens morgen früh aufhört, nass wandern ist ja kein Spaß. Doch dazwischen, immer wieder: Sie haben recht, die Schwärmer. Dicht eingepackt auf einem kleinen Dünenkamm liegen, tief unten ein See, auf der anderen Seite noch mehr Riesendünen, hoch oben die Plejaden und der Stier, und wer weiß was noch, einen Wandertag in den Beinen, der nächste nur noch ein paar Stunden entfernt, und bis zum Einschlafen mit Kristian träge über Waldorfelternabende lästern – viel schöner geht es nicht. Zu diesem Frieden trägt auch das tiefe Gefühl der Sicherheit bei. Nachts in der Wüste draußen schlafen – wenn ich kein Mann wäre, ich gäbe zu, man macht sich seine Gedanken, was da eventuell auf Besuch kommt. Die Frauen, mutiger wie immer, fragen einfach. Keine Spinnen, keine Schlangen und auch keine Skorpione, sagen die Mongolen.
Es passiert tatsächlich nichts. Außer dass ich morgens kreischen könnte vor Ekel: Ganz in meiner Nähe liegt eine Kamelzecke im Sand. Ich hatte noch keinen Kaffee, eine Dusche gibt es die ganze Woche nicht, und da liegt dieses fette Ding, aufgepumpt und beinahe so groß wie ein Nutellaglasdeckel. »Normal gehen die nicht auf Menschen!«, sagt Jerôme. Solche Sätze mag ich nicht, die riechen nach Ausnahmen, und in diesem Fall will ich keine sein. Aber um wieder auf erfreuliche Ideen zu kommen, muss ich mich nur einmal umsehen. Auf den umliegenden Dünen wird Frühsport getrieben. Drei Frauen machen zusammen diese Yoga-Übung, den Sonnengruß, und ein paar Meter über unserem Schlafplatz bewegt sich Kristian in Tai-Chi-Zeitlupe, den Blick fest nach innen, den Kopf zur Sonne. Ich will auch in Schwung kommen und trinke eine Cola. Es gibt Wüstenexpeditionen, da ziehen sie morgens schon weit vorm ersten Tageslicht los, die Restkühle der Nacht zu nutzen. So hektisch sind wir nicht. Vor halb elf kommen wir nicht in die Hufe. Diese Ferienattitüde können wir uns erlauben, weil es hier von Mitte September bis April mittags nicht so brutal heiß wird, wie man denkt, wenn man Gobi sagt und Sven-Hedin-Geschichten gelesen hat und hierher fährt, um sich selbst zu fühlen wie so ein Entdeckungsreisender vor einhundert Jahren. Tief im Winter wird es sogar richtig kalt, dann zeigt die Gobi, dass sie die nördlichste Wüste der Erde ist. Also gehen wir erst los, wenn die letzte Kiste auf dem letzten bockigen Kamel vertäut ist. Und dann wandern wir wieder unsere täglichen 15 bis 20 Kilometer über diese riesigen Berge aus Sand. Nach Osten und Westen haben die Dünen Flanken, so glatt und steil wie Pyramiden; weit strecken sie sich entlang der Hauptwindrichtung von Nord nach Süd. Dazwischen liegen tief eingeschnittene Täler. Anderswo beschreiben sie Sandwüsten als sanft wogende Dünenmeere. Dagegen ist diese hier ein Ozean im Sturm. Dass sich der Sand in der Badain Jaran höher auftürmt als in anderen Regionen, liegt daran, dass er gleichmäßiger geformt ist als irgendwo sonst. So bilden die Kristalle besonders stabile Strukturen, und das wenige Regenwasser kann besonders tief einsickern und die Düne immer weiter festigen. Was hier einmal richtig steht, weht nicht so leicht wieder weg. So was fällt mir natürlich nicht im Vorbeigehen auf, für solche harten Fakten haben wir Jerôme. Der hat sich das alles angelesen und gibt es peu à peu in breitem Berlinerisch an uns weiter. Wenn man die Badain Jaran auf einer Karte betrachtet, sieht sie aus wie ausgedacht, so gleichmäßig liegen die Seen zwischen den Megadünen verstreut. Früher gehörte jeder See einer Nomadenfamilie, die Brunnen und kleinen Süßwasserquellen am Rande der Gewässer reichten gerade für einen Haushalt. Viel mehr ist auch heute nicht los. Erst am Badanjilian treffen wir andere Touristen. Die sind viel sauberer als wir und gerade erst aus der Stadt gekommen; denn der Badanjilian ist der südlichste See in dieser Wüste, und bis hierher führt eine grobe Piste aus Alashan Youqi, der einzigen Stadt in diesem Teil des Alashan-Bezirks. So können diese jungen Chinesen aus Shanghai abends in ihren schweren, nagelneuen Expeditionsparkas auf der Düne Techno hören und sind rechtzeitig zur Schlafenszeit zurück im Hotel in der Stadt, denn die wilde Natur scheint ihnen nicht geheuer.
Dabei kann hier gar nichts passieren, dies ist ein heiliger Ort. Am Ufer des Sees steht ein kleines buddhistisches Kloster des Gelug-Ordens. Es wird von zwei Mönchen in Teilzeit betrieben. Sie sind Vater und Sohn, und daran merke ich mal wieder, dass ich das Zölibat wohl nie verstehen werde. Die beiden hüten ihre Schafe und Kamele und pflegen ihr bisschen Gemüse wie die anderen Bauern, und ihre Roben streifen sie nur über, wenn es akuten buddhistischen Ritus-Bedarf gibt. Praktisch bedeutet das, sie ziehen sich um, sobald Touristen das Kloster anschauen wollen. So sind wir gerade am See angekommen, da kommt ein Cross-Motorrad von Norden über die Dünen gekachelt, ein junger Mongole steigt ab, holt aus einem Haus safrangelbe und purpurrote Tücher und einen Schlüsselbund, zieht sich im Gehen um, schließt das Kloster auf und winkt uns herein.
Weil heute Rushhour ist, begrüßt sein älterer Kollege derweil eine zweite Gruppe. Ihr Star ist ein chinesischer Journalist. Ein Fotograf mit ledernem Cowboyhut knipst ihn ununterbrochen. Also muss er wichtig sein. Das merkt man auch an seiner Erscheinung, die hat was von 70er-Jahre-Porno-Star meets Manuel Noriega, mit seinem weit geöffneten gelben Hemd unterm weinroten Anzug, weißen Westernstiefeln, rotbraun gefärbtem, nach hinten toupiertem schütterem Haar und pockennarbiger Gesichtshaut. Um seinen Hals baumeln goldene Medaillons, in seiner Hand rasselt er ununterbrochen mit einer wunderschönen Mala aus Türkisperlen. Als Beleg seiner Weltläufigkeit zeigt er uns einen Presseausweis aus Ungarn, vor 25 Jahren abgelaufen. Zwei Tage verbringen wir am Badanjilian, bis uns Geländewagen abholen und zurück nach Alashan Youqi bringen. War die Reise bis jetzt schon gemächlich, wird es nun noch langsamer. Die Wüste ist ja ein Ort, wo viel in wenig steckt. Also schauen wir stundenlang zu, wie der Wind mit Gräsern im Sand zeichnet. Finden die Spuren von Blitzeinschlägen, die den Sand zu feinen Röhrchen verschmolzen haben, Porzellanscherben, die uns wie Kostbarkeiten aus der Ming-Dynastie vorkommen, und eine Kuhle, in der die Knochen mehrerer Dutzend Kamele liegen. Mit Leila und Kristian steige ich auf die Riesendüne westlich des Sees. Oben auf dem Grat wird direkt vor uns eine zerfledderte tibetische Gebetsfahne aus dem Sand geweht. Wie lange lag sie dort? Woher kommt sie? Buddhisten glauben, dass der Wind den Segensspruch von so einer Gebetsfahne mit sich fort in alle Welt nimmt, indem er sie nur berührt. So wirkt das Mantra an vielen Orten, so lang es im Wind flattert. Wir pflanzen die Gebetsfahne an einem Stock auf dem höchsten Gipfel, schauen hinunter auf den See, am Ufer wogendes Schilf und Bäume und das Kloster. Über uns kein blauer Wüstenhimmel, tief hängen die grauen und schwarzen Wolken. Der Wind zerrt an unserer Fahne und trägt das Mantra, das darauf geschrieben steht, Richtung Süden. Alashan.
von Bjørn Erik Sass
Nichts ist romantischer als ein Fußmarsch durch die Wüste Badain Jaran: Zelten unterm Sternenhimmel, Berge aus Sand erklimmen – und die Kamele tragen das Bier
In der Wüste Badain Jaran gibt es keine Wellenreitbretter zu kaufen. In diesem Teil der chinesischen Gobi surfen sie auf Kamelen. Das klingt vielleicht wie ein Witz, aber danach ist mir wirklich nicht zumute. Ich liege auf der höchsten Düne der Welt, als ich das Kamelsurfen zum ersten Mal sehe. Biluthu heißt dieser Berg aus Sand, und es waren beinahe 520 Meter von seinem Fuß bis zum Gipfel. Dort, den Aufstieg geschafft und zu allen Seiten diese grandiose Aussicht, ist ein perfekter Ort, um vollkommen glücklich zu sein. So wie meine Mitreisenden. Die umarmen sich, Jerôme ruft immer wieder »Boah!«, obwohl er schon seit zwanzig Jahren durch Wüsten wandert. Sie machen Action-Fotos voneinander und teilen eiserne Keksrationen. »So schön, als tanzten wir durch eine Postkarte!«, jauchzt Gesine. Da würde ich gern mitmachen. Mir ist leider vor allem schwindelig. So hoch diese Dünen, so weit diese Landschaft und so oft in der letzten Nacht mit meinem empfindlichen Magen hinter dem Gebüsch gewesen. An Tanzen ist nicht zu denken. Ewig kann ich mich aber nicht mehr apathisch in den Hang krallen, sonst bin ich der Letzte, und allein wird es noch schlimmer. Die anderen fangen an, talwärts zu gehen. Einige laufen sogar, weil das im Sand so ein Heidenspaß ist. Davon wird mir schon vom Zuschauen noch schlechter. Inzwischen sind auch unsere drei mongolischen Begleiter mit den Kamelen oben angekommen. Die sorgen für den gemütlichen Teil der Reise, denn während wir zehn Reisenden eine Woche lang durch die Wüste wandern, tragen sie unser Gepäck, die Zelte, die Lebensmittel, die Küche, das Wasser, den Wein, das Bier und den Schnaps. Zum Kamelsurfen muss man wissen, dass Kamele beladen nicht gern stehen, das tut ihnen in den Füßen weh. Unter unseren 14 Tieren ist ein besonders bockiger Jungbulle. Der schreit und tritt jeden Morgen, als hätte er eine Sondervereinbarung mit dem Tierschutzbund. Auf dieser Riesendüne nun will er nicht warten, bis die Mongolen die Route für den Abstieg fertig besprochen haben. Er geht also schon mal vor – und fällt voll auf die Schnauze. Vergaß leider, dass er noch an seinen Vordermann geknotet war, der nicht mitwollte. Der Strick hat sich jetzt gelöst, die Ladung auch, das Problemkamel liegt Kopf abwärts auf dem Rücken und spielt toter Mann. Ich denke sofort an gebrochene Beine und an Notschlachtung, aber Mongolen beeindruckt so was ja gar nicht, da sind sie hier in der Inneren, chinesischen Mongolei so cool wie ihre Verwandten im nördlichen Nachbarland. Einer zieht das Kamel am Nasenpflock, der andere schiebt und tritt hinten kräftig rein. Irgendwann gibt der Sand nach, das Tier kommt, mit den Läufen senkrecht in den Himmel, ins Rutschen, der hintere Mongole springt auf und gleitet eine Strecke hinunter. Dort steht das Kamel auf und versteckt sich kleinlaut hinter Büschen, ich vergesse endlich meine Benommenheit und steige die Düne hinab. Am meisten beeindruckt mich, dass die Mongolen bei all dem Schrecken nie aufhören zu lachen.
»Alashan« ist mongolisch und heißt:Schönheit und Reichtum
Mit der gleichen guten Laune reichen sie später getrocknetes Kamelfleisch als Snack herum, während wir das Lager errichten, gleich am Fuß dieser Biluthu-Düne. Lager errichten, das klingt ein bisschen pompös: Wir müssen uns nur einen Schlafplatz suchen, das Einmannzelt aufstellen, Isomatte und Schlafsack ausbreiten. Alles Übrige machen ja die Mongolen: Kamele versorgen, Essens- und Küchenzelt aufbauen, kochen. Also sitzen am Abend zehn Wüstenwanderer verstreut im Sand. Sie warten, trinken Bier in der untergehenden Sonne und versuchen zu zählen, wie viele Gelb- und Brauntöne es in dieser Wüste gibt; und immer, wenn man glaubt, jetzt hat man sie aber wirklich endlich alle, taucht an der nächsten Düne ein neuer Farbton auf. Die Wüste ist ja ein großartiger Ort, um spirituell zu werden und von Grenzerfahrungen, neuen Perspektiven, magischen Momenten zu sprechen. Und welche Wüste käme dafür besser infrage als unsere? Jerôme, der Veranstalter, hat die Badain Jaran ja nicht zufällig ausgesucht. Badain Jaran liegt im Westen des Alashan-Plateaus. »Alashan« ist mongolisch und bedeutet: Schönheit und Reichtum. Das klang für uns zuerst ironisch, als wir stundenlang durch dieses flache, karge, fahle Land fuhren. Dann aber waren auf einmal diese Riesendünen da und die Seen. Die gibt es wirklich, die sind keine Fata Morgana. 140 sollen es sein, sie speisen sich aus Grundwasser und aus Regen, der durch die Dünen sickert und dabei jede Menge Salz und Mineralien aus dem Sand löst. Davon sind diese Seen so gesättigt, dass man nicht in ihnen baden kann. Weiß, gelb und bräunlich lagern sich die Stoffe am Ufer ab. Zusammen ist das nun so viel Schönheit und Reichtum, wie man sich nur wünschen kann. Darum wird »Alashan!« zum Motto dieser Reise, wir prosten uns damit zu, rufen es von Gipfeln und wünschen uns damit guten Appetit.
Zum Essen kann ich sagen: Es ist viel. Und lecker. Wie die Mongolen das mit nur einer Kocherflamme schaffen und dabei so entspannt bleiben, ist uns jeden Abend ein Rätsel. Kurz nacheinander bringen sie ein halbes Dutzend verschiedener Gerichte ins Essenszelt, wo wir eng nebeneinander auf Hockern sitzen und fressen wie die Raupen, und sie kichern noch fröhlich über unseren guten Appetit. Befriedigend wurde übrigens gleich am ersten Abend die Hundefrage beantwortet: Die würden sie hier in der Inneren Mongolei nicht essen, sagte Ning. Das erzählen sie ausländischen Touristen wahrscheinlich in ganz China, aber Ning glauben wir. Ning ist unser chinesischer Führer, unser Han-chinesischer Führer, genauer gesagt. Chinesen sind ja auch die Mongolen. Ning war es, der Jerôme geraten hat, für seine erste Reise in die Gobi diese Gegend zu wählen. Ning hat uns am Anfang auch erklärt, in China müsse man immer einen kleinen Rest in der Schüssel lassen, das sei sonst unhöflich, aber daran hält sich schon am ersten Wüstentag niemand mehr. Weil wir diese Platten mit chiligewürzten Auberginen und süßsaurem Hähnchen, mit handgezogenen Nudeln und scharf angebratenem Hammel, mit Rind und Schwein und sogar Tofu so schnell leeren, gibt es immer eine kurze ratlose Pause. Die nutzt Klaus gern, um verstaubte Witze aus der DDR zu erzählen. Klaus ist ein Ingenieur aus Thüringen mit riesigen Pranken, mit denen er seiner Frau Doris auch nach 25 Jahren Ehe immer wieder Haarsträhnen hinters Ohr streicht. Klaus ist dermaßen gelassen und grundheiter, dass nicht mal Ning ihm seine vierzig Jahre alten Witze über die chinesische Armee übel nimmt.
Kristian macht Tai-Chi. Ich will auch in Schwung kommen und trinke eine Cola
Wer Klaus’ Witze nicht hören will und trotzdem im Zelt bleiben möchte, singt oder sagt Gedichte auf; und dann sind wir ruck, zuck! mittendrin in der allerschönsten Lagerfeuerromantik. Nur eben ohne Lagerfeuer, denn an den Seen wachsen meist zwar Bäume, aber die können wir schlecht für unsere Abendunterhaltung abholzen. Ohnehin bettet man sich in der Wüste zeitig. Das hat vor allem damit zu tun, dass man hier in einem Hotel mit Millionen Sternen schläft. Alle, alle, die schon mal in der Wüste waren, schwärmen vom dortigen Lichterzauber. Also legen wir uns abends pflichtbewusst vor die Zelte. Und sind gespannt. Zum Beispiel: Ob die Wolkendecke noch aufreißt? Der Sandsturm nachlässt? Wann der Mond wohl hinter einer Kuppe verschwindet? Einmal auch: Ob der Regen bitte wenigstens morgen früh aufhört, nass wandern ist ja kein Spaß. Doch dazwischen, immer wieder: Sie haben recht, die Schwärmer. Dicht eingepackt auf einem kleinen Dünenkamm liegen, tief unten ein See, auf der anderen Seite noch mehr Riesendünen, hoch oben die Plejaden und der Stier, und wer weiß was noch, einen Wandertag in den Beinen, der nächste nur noch ein paar Stunden entfernt, und bis zum Einschlafen mit Kristian träge über Waldorfelternabende lästern – viel schöner geht es nicht. Zu diesem Frieden trägt auch das tiefe Gefühl der Sicherheit bei. Nachts in der Wüste draußen schlafen – wenn ich kein Mann wäre, ich gäbe zu, man macht sich seine Gedanken, was da eventuell auf Besuch kommt. Die Frauen, mutiger wie immer, fragen einfach. Keine Spinnen, keine Schlangen und auch keine Skorpione, sagen die Mongolen.
Es passiert tatsächlich nichts. Außer dass ich morgens kreischen könnte vor Ekel: Ganz in meiner Nähe liegt eine Kamelzecke im Sand. Ich hatte noch keinen Kaffee, eine Dusche gibt es die ganze Woche nicht, und da liegt dieses fette Ding, aufgepumpt und beinahe so groß wie ein Nutellaglasdeckel. »Normal gehen die nicht auf Menschen!«, sagt Jerôme. Solche Sätze mag ich nicht, die riechen nach Ausnahmen, und in diesem Fall will ich keine sein. Aber um wieder auf erfreuliche Ideen zu kommen, muss ich mich nur einmal umsehen. Auf den umliegenden Dünen wird Frühsport getrieben. Drei Frauen machen zusammen diese Yoga-Übung, den Sonnengruß, und ein paar Meter über unserem Schlafplatz bewegt sich Kristian in Tai-Chi-Zeitlupe, den Blick fest nach innen, den Kopf zur Sonne. Ich will auch in Schwung kommen und trinke eine Cola. Es gibt Wüstenexpeditionen, da ziehen sie morgens schon weit vorm ersten Tageslicht los, die Restkühle der Nacht zu nutzen. So hektisch sind wir nicht. Vor halb elf kommen wir nicht in die Hufe. Diese Ferienattitüde können wir uns erlauben, weil es hier von Mitte September bis April mittags nicht so brutal heiß wird, wie man denkt, wenn man Gobi sagt und Sven-Hedin-Geschichten gelesen hat und hierher fährt, um sich selbst zu fühlen wie so ein Entdeckungsreisender vor einhundert Jahren. Tief im Winter wird es sogar richtig kalt, dann zeigt die Gobi, dass sie die nördlichste Wüste der Erde ist. Also gehen wir erst los, wenn die letzte Kiste auf dem letzten bockigen Kamel vertäut ist. Und dann wandern wir wieder unsere täglichen 15 bis 20 Kilometer über diese riesigen Berge aus Sand. Nach Osten und Westen haben die Dünen Flanken, so glatt und steil wie Pyramiden; weit strecken sie sich entlang der Hauptwindrichtung von Nord nach Süd. Dazwischen liegen tief eingeschnittene Täler. Anderswo beschreiben sie Sandwüsten als sanft wogende Dünenmeere. Dagegen ist diese hier ein Ozean im Sturm. Dass sich der Sand in der Badain Jaran höher auftürmt als in anderen Regionen, liegt daran, dass er gleichmäßiger geformt ist als irgendwo sonst. So bilden die Kristalle besonders stabile Strukturen, und das wenige Regenwasser kann besonders tief einsickern und die Düne immer weiter festigen. Was hier einmal richtig steht, weht nicht so leicht wieder weg. So was fällt mir natürlich nicht im Vorbeigehen auf, für solche harten Fakten haben wir Jerôme. Der hat sich das alles angelesen und gibt es peu à peu in breitem Berlinerisch an uns weiter. Wenn man die Badain Jaran auf einer Karte betrachtet, sieht sie aus wie ausgedacht, so gleichmäßig liegen die Seen zwischen den Megadünen verstreut. Früher gehörte jeder See einer Nomadenfamilie, die Brunnen und kleinen Süßwasserquellen am Rande der Gewässer reichten gerade für einen Haushalt. Viel mehr ist auch heute nicht los. Erst am Badanjilian treffen wir andere Touristen. Die sind viel sauberer als wir und gerade erst aus der Stadt gekommen; denn der Badanjilian ist der südlichste See in dieser Wüste, und bis hierher führt eine grobe Piste aus Alashan Youqi, der einzigen Stadt in diesem Teil des Alashan-Bezirks. So können diese jungen Chinesen aus Shanghai abends in ihren schweren, nagelneuen Expeditionsparkas auf der Düne Techno hören und sind rechtzeitig zur Schlafenszeit zurück im Hotel in der Stadt, denn die wilde Natur scheint ihnen nicht geheuer.
Dabei kann hier gar nichts passieren, dies ist ein heiliger Ort. Am Ufer des Sees steht ein kleines buddhistisches Kloster des Gelug-Ordens. Es wird von zwei Mönchen in Teilzeit betrieben. Sie sind Vater und Sohn, und daran merke ich mal wieder, dass ich das Zölibat wohl nie verstehen werde. Die beiden hüten ihre Schafe und Kamele und pflegen ihr bisschen Gemüse wie die anderen Bauern, und ihre Roben streifen sie nur über, wenn es akuten buddhistischen Ritus-Bedarf gibt. Praktisch bedeutet das, sie ziehen sich um, sobald Touristen das Kloster anschauen wollen. So sind wir gerade am See angekommen, da kommt ein Cross-Motorrad von Norden über die Dünen gekachelt, ein junger Mongole steigt ab, holt aus einem Haus safrangelbe und purpurrote Tücher und einen Schlüsselbund, zieht sich im Gehen um, schließt das Kloster auf und winkt uns herein.
Weil heute Rushhour ist, begrüßt sein älterer Kollege derweil eine zweite Gruppe. Ihr Star ist ein chinesischer Journalist. Ein Fotograf mit ledernem Cowboyhut knipst ihn ununterbrochen. Also muss er wichtig sein. Das merkt man auch an seiner Erscheinung, die hat was von 70er-Jahre-Porno-Star meets Manuel Noriega, mit seinem weit geöffneten gelben Hemd unterm weinroten Anzug, weißen Westernstiefeln, rotbraun gefärbtem, nach hinten toupiertem schütterem Haar und pockennarbiger Gesichtshaut. Um seinen Hals baumeln goldene Medaillons, in seiner Hand rasselt er ununterbrochen mit einer wunderschönen Mala aus Türkisperlen. Als Beleg seiner Weltläufigkeit zeigt er uns einen Presseausweis aus Ungarn, vor 25 Jahren abgelaufen. Zwei Tage verbringen wir am Badanjilian, bis uns Geländewagen abholen und zurück nach Alashan Youqi bringen. War die Reise bis jetzt schon gemächlich, wird es nun noch langsamer. Die Wüste ist ja ein Ort, wo viel in wenig steckt. Also schauen wir stundenlang zu, wie der Wind mit Gräsern im Sand zeichnet. Finden die Spuren von Blitzeinschlägen, die den Sand zu feinen Röhrchen verschmolzen haben, Porzellanscherben, die uns wie Kostbarkeiten aus der Ming-Dynastie vorkommen, und eine Kuhle, in der die Knochen mehrerer Dutzend Kamele liegen. Mit Leila und Kristian steige ich auf die Riesendüne westlich des Sees. Oben auf dem Grat wird direkt vor uns eine zerfledderte tibetische Gebetsfahne aus dem Sand geweht. Wie lange lag sie dort? Woher kommt sie? Buddhisten glauben, dass der Wind den Segensspruch von so einer Gebetsfahne mit sich fort in alle Welt nimmt, indem er sie nur berührt. So wirkt das Mantra an vielen Orten, so lang es im Wind flattert. Wir pflanzen die Gebetsfahne an einem Stock auf dem höchsten Gipfel, schauen hinunter auf den See, am Ufer wogendes Schilf und Bäume und das Kloster. Über uns kein blauer Wüstenhimmel, tief hängen die grauen und schwarzen Wolken. Der Wind zerrt an unserer Fahne und trägt das Mantra, das darauf geschrieben steht, Richtung Süden. Alashan.






